Aus Kanada stammt dieses Foto von einem historischen Feuerwehrauto. Absurd viele Knöpfe und Drehregler werden zur Regelung des Wasserdrucks benötigt. Doch ist das wirklich ein Beispiel für schlechte Usability?

Bei einem Gartenschlauch ist es einfach den Wasserdruck zu regeln: man dreht den Wasserhahn auf oder zu. Bei einem Feuerwehrauto scheint das nicht so einfach zu sein. Mehrere Druckanzeigen und Dutzende Regler werden hier benötigt. Doch auch wenn der Laie hier überfordert ist, das Design ist nicht so schlecht, wie man es auf den ersten Blick vermuten möchte.

Reglerpult eines historischen kanadischen Feuerwehrautos

Reglerpult eines historischen kanadischen Feuerwehrautos. [1]


Einige Punkte sind sogar richtig gut:

1. Sichtbarkeit

Alle Regler sind direkt sichtbar und bedienbar. Jede Aktion kann somit direkt ohne Zeitverzug ausgeführt werden. Nicht unwichtig, bei einem Feuerwehrmann, wenn es auf jede Sekunde ankommt.

2. Anordnung

Auch die Anordnung der Regler scheint durchdacht zu sein. Ausgelegt ist sie auf einen Feuerwehrmann, der direkt vor dem Schaltpult Position bezieht.

Direkt auf Augenhöhe befinden sich die Druckanzeigen. Der große Regler, der vermutlich beidhändig bedient werden muss, ist zentral angeordnet. Der Feuerwehrmann nimmt somit beide Hände zur Mitte und kann den Regler drehen. Möglicherweise ist dieser Regler besonders wichtig und soll nicht unabsichtlich betätigt werden, gemäss dem Motto “Size follows Importance”. Weitere Regler, die einhändig bedient werden sind in Armreichweite rechts und links.

3. Bedienung

Ein Feuerwehrmann muss körperlich arbeiten und trägt dabei in der Regel Handschuhe. Die Regler selbst und die Abstände zwischen den Reglern sind groß genug, um eine Bedienung mit Handschuhen zu ermöglichen.

4. Unterscheidbarkeit

Die Drehregler haben unterschiedliche Größen und Formen. Das macht es einem Benutzer leicht sie auseinanderzuhalten. Da sie sich anders anfühlen, ist es möglich sie ohne direkten Augenkontakt zu bedienen. Auch mit Handschuhen dürfte sich bei der Größe der Regler noch ein haptischer Unterschied ergeben. Für einen Feuerwehrmann in der Hitze des Gefechts sicher kein unwichtiges Kriterium.

5. Feedback

Durch die Druckanzeigen auf Augenhöhe bekommt der Feuerwehrmann an zentraler Stelle direkt Feedback, wenn er einen Regler auf- oder zudreht. Die Stellung der Regler allein liefert leider noch kein Feedback, da sie ohne Skala um 360° drehbar sind und der Druck zudem durch mehrere Regler gemeinsam beeinflusst wird. Deswegen wird die zusätzliche Anzeige erst nötig.

Fazit

Und dennoch bleibt die zentrale Frage: Braucht es so viele Schalter und Regler? Davon gehen wir aus. Denn das gesamte User Interface wirkt sehr durchdacht und ist sicher nicht nur zufällig so entworfen worden. Man darf eben nicht vergessen, dass es sich hier um ein Experteninterface handelt. Das Ziel der Konstruktion war nicht die einfache Erlernbarkeit durch Laien, sondern der Einsatz durch einen geschulten Feuerwehrmann.

Wichtig ist bei einem Experteninterface in erster Linie die sogenannte “Habituation”. Gelernte Handgriffe gehen in das Unterbewusstsein über und können somit im Ernstfall abgerufen werden, ohne erst darüber nachdenken zu müssen: Selten denkt ein erfahrener Autofahrer noch aktiv beim Schalten an die einzelnen Vorgänge. Einem Fahranfänger geht das anders. Er muss es solange bewusst üben, bis die Handlung scheinbar automatisch funktioniert und in das Unterbewusstsein übergeht.

Diesen Zweck erfüllt das User Interface des Feuerwehrautos durch die Anordnung und Unterscheidbarkeit der Regler sehr gut.

Referenzen:
  1. Thilo Knaupp, 'Usability kanadische Feuerwehr' []