Die CHI (sprich: “kai”, Conference on Computer-Human-Interaction) ist eine der bedeutensten Konferenzen im Bereich Usability und UX. An jährlich wechselnden Orten rund um den Globus treffen sich tausende Forscher und UX’ler aus der Wirtschaft um über ihre neuesten Entwicklungen und Projekte zu reden. Anhand meines Besuchs auf der diesjährigen CHI in Paris beschreibe ich wieso solche Konferenzen nicht nur interessant sondern auch lohnenswert sind.

Um überhaupt erklären zu können warum eine Konferenz interessant ist, muss man zuerst einmal die unterschiedlichen Veranstaltungstypen vorstellen. Jeder Typ dient dazu ein sehr breites Spektrum an Themen und Projekten in einem angemessenen Rahmen präsentieren zu können. Die wichtigsten dieser Veranstaltungstypen stelle ich in diesem Beitrag vor.

So eine wissenschaftliche Konferenz lebt hauptsächlich von eingereichten Forschungsarbeiten, die dort präsentiert werden. Bevor eine solche Arbeit auf einer Konferenz präsentiert werden darf, muss sie einen strengen Bewertungsprozess durchlaufen, bei dem sie von anderen Wissenschaftlern bewertet werden (“peer reviewing”). Auf der CHI werden beispielsweise nur etwa 20% der eingereichten Arbeiten veröffentlicht. Je nach eingereichtem Format darf man seine Arbeit dann in einer der folgenden Veranstaltungen präsentieren:

  • Workshops: Finden meist vor der Konferenz statt und bestehen aus vielen kleinen Vorträgen, aber vor allem auch aus Diskussionen und Arbeitsgruppen – hier werden Ideen nicht nur präsentiert, sondern auch erarbeitet.
  • Vorträge: Gibt es in unterschiedlichen Längen und sie werden immer mit einem Frage-Antwort-Teil beendet. Sie eignen sich bestens um Ideen zu präsentieren und auch ausführliche Studien vorzustellen.
  • Interactivities & Poster: Hier zeigt man seine lauffähigen Prototypen oder zumindest ein Poster von seinem Projekt und tritt in direkten Kontakt mit Besuchern.
  • Kurse: Fokussierte Vorträge zu einem speziellen Thema (z.B. UX im Bereich der agilen Entwicklung) von einem Vortragenden. Ähnlich wie bei den Workshops kann es hier auch Arbeitsgruppen und praktische Übungen geben.
  • Panels und Special Interest Groups: Hier diskutieren Fachleute vor Publikum über grundlegende Fragen eines speziellen Forschungsgebiets. Das kann durchaus spannend sein, wenn man in dem betreffenden Gebiet unterwegs ist.
  • Social Events: Diese Events dürfen auf keiner Konferenz fehlen! In Kaffeepausen zwischen den Vorträgen und auf abendlichen Partys kann man sich in entspannter Atmosphäre mit anderen Konferenzteilnehmern unterhalten.

Insgesamt gibt es meist eine Vielzahl verschiedener Veranstaltungstypen und nicht nur einen Vortrag nach dem anderen. Dabei sind 16 parallele Vorträge auf der CHI zum Beispiel keine Seltenheit weswegen man unmöglich alles sehen kann was präsentiert wird. Sogar mit den eigens für die Konferenz programmierten Smartphone-Apps ist es nicht einfach alle Wunschveranstaltungen unter einen Hut zu bekommen.

CHI 2013 Closing Plenary

Zentrale Bestandteile wie die Abschlussveranstaltung finden in sehr großen Sälen statt. [1]

Lohnt sich sowas?

Als Forscher von der Universität ist die Frage relativ einfach zu beantworten: Auf jeden Fall! Denn auf Konferenzen wie der CHI werden aktuelle Forschungsergebnisse publiziert und vorgestellt. Es ist außerdem eine einmalige Gelegenheit sich mit anderen Wissenschaftlern, die auf dem gleichen Gebiet forschen, auszutauschen und eventuell gemeinsame Projekte zu planen. Man bekommt also in kurzer Zeit einen guten Überblick über den aktuellen Stand auf seinem Forschungsgebiet.

Für UX-Fachleute aus der Wirtschaft ist die Frage warum man auf eine Konferenz fahren sollte aber vielleicht schon schwieriger zu beantworten. Schließlich kostet nicht nur die Reise bares Geld sondern auch der Eintritt zur Konferenz selbst. Dennoch sind immer Firmen vertreten – sei es in Form von Vorträgen, Sponsoring oder eigenen Ständen mit kleinen Give-aways. Somit kann sich eine Konferenz für ein Unternehmen in mehreren Hinsichten lohnen: die eigenen UX-Experten bekommen Einblicke in die neuesten Interface-Trends, bekommen Feedback zur eigenen Arbeit und das Unternehmen wird als forschungsorientiert wahrgenommen. Gerade bei der Suche nach jungen und innovativen Talenten ist so etwas sicherlich nicht zu vernachlässigen.

Mein Fazit zur CHI 2013

Gerade im Bereich interaktiver Displays gab es einige tolle Projekte zu sehen. Angefangen bei interaktive Zimmerdecken [2] bis hin zu Displays für den Fingernagel [3], die es erlauben Dinge unterhalb des Fingers auf dem Nagel darzustellen, zum Beispiel während man mit seinem Smartphone interagiert. Ich war außerdem mal wieder ziemlich beeindruckt von den Microsoft Kinect-Projekten, die Andy Wilson in einem Workshop vorgestellt hat. Vom dreidimensionalen Scannen ganzer Räume bis hin zur nahtlosen Verknüpfung unterschiedlichster Bildschirme war alles dabei. Einen kleinen Überblick gibt es in seinem YouTube-Channel. Ebenfalls in Erinnerung geblieben ist mir ein extrem unterhaltsamer Vortrag von Harold Thimbleby über sogenannte seven-segment Displays, wie sie heutzutage in vielen Geräten verbaut sind. Dabei hat er mit viel Witz die verschiedensten Anwendungsprobleme, wie zum Beispiel die Lesbarkeit von auf dem Kopf stehenden Displays, aufgezeigt und eigene Lösungsansätze dafür vorgestellt [4].

(links) NailDisplay, Su et al., (mittig) Ceiling Interaction, Wimmer at al., (rechts) Seven Segment Displays, Thimbleby

Links: Ein Display in Nagelgröße kann Verdeckungen bei der Interaktion auf kleinen Displays vermeiden.
Mitte: Auch Zimmerdecken können interaktiv sein.
Rechts: 9.51 oder 15.6 - auf den ersten Blick nicht leicht zu beantworten.
Bildquellen: [5].

Neben diesen eher technischen Projekten habe ich auch viele Veranstaltungen und Vorträge zum Thema UX gehört, zum Beispiel einen Kurs von William Hudson. Durchaus unterhaltsam war dabei ein Beispiel für die Integration von UX-Entwicklung in einen agilen Entwicklungsprozess mit Hilfe von extrem detailliert ausgearbeiteten Personas. Der Vorschlag dafür ging soweit, dass diese fiktiven Nutzer eigene Arbeitsplätze und fiktive Familienfotos in der Abteilung bekommen sollen, um die Empathie für sie und ihre Nutzungsbedürfnisse zu erhöhen. Ob sich diese recht ausführliche Personas-Umsetzung überall und auf Dauer durchsetzen wird, bleibt aber sicherlich abzuwarten.

Natürlich gab es auch unzählige Vorträge zu mobilen Endgeräten, User Research und sozialen Aspekten der Mensch-Maschine-Interaktion, die ich aber wegen Überschneidungen nicht besuchen konnte. Ich habe allerdings nur Positives darüber gehört und würde daher allen Interessierten eine klare Besuchsempfehlung für solche Konferenzen aussprechen!

In nächster Zeit gibt es übrigens prima Möglichkeiten selbst eine solche Konferenz mal zu besuchen und gleichzeitig die Reisekasse nicht zu stark belasten. Dafür bieten sich die MobileHCI 2013 (Mobile Geräte & Mobile Interaktionen) und die TEI 2014 (Greifbare Interfaces & hardware-nahe Projekte) an, die beide in München stattfinden. Im hohen Norden gibt es dieses Jahr aber auch noch eine Gelegenheit: die Mensch & Computer (MMI im Allgemeinen) findet im September in Bremen statt!

Referenzen:
  1. cofiem, 'CHI 2013 Closing plenary' Flickr, lizensiert unter Creative Commons BY, Bild wurde verkleinert und zugeschnitten. []
  2. Wimmer et al., Ceiling Interaction: Properties, Usage Scenarios, and a Prototype. Workshop ‘Blended Interaction: Envisioning Future Collaborative Interactive Spaces’, in conjunction with CHI’13. []
  3. Su et al., NailDisplay: Bringing an Always-Available Visual Display To Fingertips. Proc. of CHI’13, ACM 2013, 1461-1464. []
  4. Harold Thimbleby, Reasons to question seven segment displays. Proc. of CHI’13, ACM 2013, 1431-1440. []
  5. Bilder verkleinert und zugeschnitten:
    Links: Su et al., NailDisplay: Bringing an Always-Available Visual Display To Fingertips. Proc. of CHI'13, ACM 2013, 1461-1464.
    Mitte: Wimmer et al., Ceiling Interaction: Properties, Usage Scenarios, and a Prototype. Workshop 'Blended Interaction: Envisioning Future Collaborative Interactive Spaces', in conjunction with CHI'13.
    Rechts: Harold Thimbleby, Reasons to question seven segment displays. Proc. of CHI'13, ACM 2013, 1431-1440. []